Quelle: Bote von Wilisch Juli 2006 Nr.225
Wie alles begann Beim 50. Geburtstag unseres Schuldirektors W. Schuster, zu dem dieser das Kreischaer Lehrerkollegium geladen hatte, erzählte Frank Zirnstein von einer Betsäule, die er im alten, nun verfallenen Pferdestall im Gut von Dr. Orth 1988 gefunden hatte. Der merkwürdige, in der Wand eingemauerte Nischenstein erregte seine Aufmerksamkeit. Er transportierte ihn in sein gegenüberliegendes Grundstück, bewahrte ihn erst einmal auf und stellte ihn schließlich als Schmuck in seinen Garten.
Ein Denkmalskenner bemerkte ihn und erklärte Frank Zirnstein dessen Bedeutung und historischen Wert. Fast 20 Jahre vergingen, bis er am Pfingstmontag seine attraktive Verwendung fand. Was eine Betsäule ist Eine Betsäule ist eine einfache Steinsäule mit einem an der Vorderseite ausgehöhlten Kopf, in dem die Passion Christi oder auch nur ein Kreuz eingemeißelt sind. In der Nische ist die Marter Jesu, Jesus als Schmerzensmann, dargestellt. Man nennt diese Steinsäulen deshalb auch Bildstock oder Martersäule. Die Säulen und die Säulenköpfe sind immer aus Sandstein und haben keine einheitliche Form.
Betsäulen waren im Freien, an Wegrändern oder Weggabelungen aufgestellt. Sie gehen auf eine Empfehlung Papst Leo III. (795 - 816) zurück, daß sie dort stehen sollten, wo Menschen sich begegnen. Und genau an so einer Stelle steht seit Pfingstmontag eine im Garten von Dr. Orth an der Dorfstraße - von Peter Pechmann quohren-spezifisch bearbeitet. In alten Zeiten beteten die Reisenden auf weiten Handelsstraßen und Wegen und durch ausgedehnte Waldgebiete angesichts der Gefahren und Strapazen vor den Betsäulen um Gottes Beistand, um Schutz vor Räubern und Unfällen.
An Fernstraßen waren die Betsäulen Ersatz für Kirchen und Kapellen zum Abhalten kleiner Gottesdienste und Messen. Die Quohrener Betsäule ist eine spätgotische Martersäule. Der Nischeninhalt fehlte und wurde von Peter Pechmann neu gearbeitet. Der Kopf trägt die Originaljahreszahl 7605. Eine alte lateinische Inschrift ist nicht mehr lesbar. Wo die Quohrener Betsäule einmal gestanden hat, ist heute nicht mehr zu rekonstruieren. Aber durch Quohren führte die alte Salzstraße von Freiberg nach Böhmen. Aus Richtung Oelsa kommend, verlief sie über den Streitberg. Angesichts des Steilabfalls war dieses Stück in das Dorf hinein eine große Gefahr für Mensch und Tier, die schwerste Lasten zu transportieren hatten. Durchaus möglich, daß deshalb die Quohrener Martersäule an der Weggabelung zwischen Oelsa - Dippoldiswalder Straße (B 170) und Streitberg gestanden hat und die Fuhrleute auf der Höhe um Gottes Beistand zur glücklichen Abfahrt gebetet haben.
Zu der Betsäule pilgerten vielleicht auch die Dorfbewohner der ganzen Umgegend. Sie suchten bei Gott Hilfe in Kriegswirren, in persönlicher Not, bei Krankheiten und bösem Tod, in Angst vor Dämonen und Geistern. Betsäulen waren also auch Zeichen gegen jede Form von Gewalt. In ihrer Aufgabe, Menschen zur Begegnung mit Gott anzuhalten und Glaubensinhalte zu vermitteln, sind sie altes Kulturgut und von ihren Standorten her meist auch landschaftsprägend. Doch wie kam die Quohrener Marter in ehemals Stelzners Pferdestall? Pfarrer Eichler nennt in seinem Buch Marter und Bildstock (siehe Quellenangabe) 76 verschwundene Betsäulen in Sachsen.
Die Gründe sind vielfältig - von Vandalismus über Kriegswirren und Baumaßnahmen bis Diebstahl. Er gibt als Beispiel die beiden bis in die 50er Jahre noch vorhandenen Betsäulen in Lockwitz Am Gückelsberg und Am Wehr an. Mit dem technischen Fortschritt und der Aufgeklärtheit der Menschen wurden die Bildstöcke eines Tges nicht mehr gebraucht. Sie verfielen oder wurden achtlos umgeworfen. Häuslebauer holten sie sich als nützliches Material, und so mag wohl auch der Quohrener Nischenkopf den Weg in Dr. Orths alten Pferdestall genommen haben.
In seine leere Aussparung setzten die Knechte eine Kerze als Beleuchtung während der Arbeit mit den Pferden, denn elektrisches Licht gab es dort nicht. Wie die Quohrener Marter wieder zu Ehren kam Die Quohrener sind hausgemachte Lokalpatrioten. Sie sind ganz scharf drauf, ihr Dorf durch kleine oder große Attraktionen ins künstlerische oder historische Licht der Öffentlichkeit zu bringen und entwickeln dafür ungeahnte Ideen und Initiativen mit Hilfe der dort angesiedelten Neubürger, Künstler und Musiker, mit Dr. Orths Kulturscheune und mit Peter Pechmanns herrlicher alter Schmiede und seinem Sandstein-Skulpturgarten. Sommers und winters murmelt der Quohrenbach unter überhängenden Büschen oder unterm starrsinnigen Eis daran vorbei - mal freundlich lächelnd, mal wütend überschäumend.
Wasser ist Leben. Wasser ist Fruchtbarkeit. Fruchtbarkeit ist Wohlstand. Die alten Slawen, die sich vor 2000 Jahren in der geborgenen Talmulde ansiedelten, widmeten ihre neue Heimat ihrer Göttin Dvorane, der Schaffenden, der Fruchtbaren, und nannten ihr Dorf nach ihr - tworna. 4 Quellen speisen das idyllische Engtal und betten es sommers in grün-gelbe leuchtende Farben, die Uli Eisenfeld fasziniert auf fast jedem seiner Bilder festhält.

Gelb für den Weizen, der auf dem fruchtbaren Boden besonders gut gedeiht und dessen biegsames Stroh sich für das Flechten eignete. Gelb für das Brot des Lebens. Gelb für die liebe Sonne, die das stille Dorf und seine Bewohner wärmt, friedlich und liebenswert macht. Grün für die Wiesen an den Hängen und für die Gärten mit ihrem Blütenflor und ihrem Erntesegen. 1805, steht geschrieben, zählte man in Quohren 10.000 tragende Obstbäume. Die Soldaten vom Kaiser Napoleon verheizten sie 1813. Das hat selbst der Marterstein am Streitberg nicht verhindern können.
Peter Pechmann, der Naturfreund und Geschichtenkenner , bewegte diese Gedanken in seiner Seele und organisierte mit Frank Zimstein und Ortwin Trux für das Bethäuschen eine geeignete Standsäule, damit es wieder auf eigenem Fuß stehen kann. Und er schmückte sie mit einem langobardischen Flechtzopf als Relief: vier erhabene, kunstvoll herausgemeißelte Bänder ineinander verschlungen, miteinander verbunden, ohne Anfang und Ende, das Leben im Auf und Ab, im Oben und Unten, im Dunkel und Licht, im Drunter und Drüber. Das ewig fließende Wasser, das ewig fließende Dasein, umwunden mit einem langen blauen Schal.



Die Schöpfer der neuen Betsäule, Herr Zimstein, Herr Trux, Herr Pechmann und auch Dr. Orth wünschen sich, daß viele wieder vorbeikommen und ein bißchen davor verharren und Stille finden im Lebenstrubel und Kontakt zu ihrem einmaligen, liebenswerten Dorf.
Wie ich einmal wegen der Quohrener ausgelacht wurde
Das war vor vielen Jahren, da fand im Kreischaer Erbgericht eine große Versammlung statt. Den Anlaß weiß ich
nicht mehr, es könnte vielleicht Anfang der 70er im Zusammenhang mit den Eingemeindungen gewesen sein -jedenfalls,
der Saal war voll und Bürgermeister Schittelkopp hatte mich mit einem Diskussionsbeitrag beauftragt, in dem die
Zukunft schön ausgemalt werden sollte. Also, ich sprach über dieses und jenes und wie wir so glücklich mal
werden könnten und hatte plötzlich da vom am Rednerpult ein visionäres Bild vor mir:
Quohren, sagte ich, wird mal ein Dorf der Jugend. Alle lachten mich aus. Der ganze Saal lachte mich aus, und
das Versammlungspräsidium schüttelte peinlich berührt und mißbilligend die Köpfe.

Am Pfingsmontag sitzen am Straßengraben vor der Betsäule Kinder. Ein Haufen junger Quohrener Leute machen den Großteil des Publikums aus. Meine Vision hatte sich erfüllt. Lacht mich heute noch jemand aus? Danke allen Initiatoren und Organisatoren für die 3 Tage Kunst: Offen in unserer Gemeinde! Danke den Schöpfern der Quohrener Betsäule und allen Beteiligten an der eindrucksvollen Weihe!
Quellenangabe:
Ulrich Eichler: Marter und Bildstock
Betsäulen in Sachsen
Verlag D. J. M. Dresden 2003
Herr Pfarrer Eichler war bei der Weihe anwesend.
In seinem Buch ist auch die Quohrener
Betsäule mit Abbildung aufgeführt.
Erhältlich im Buchhandel.
