Quohren und die "Alte Schule"
Navigation

Google Suche




Wetter

Aus Böthigs Ahnengalerie

Quelle: Bote von Wilisch März 2003 Nr.180

Der Ursprung der Böthig-Familie liegt in Quohren. Der Ururgroßvater von Brigitte Drummer und Jochen Böthig war der 2. Quohrener Dorfschullehrer Johann Gottfried Böthig.

Die Quohrener waren, was die Bildung ihrer Kinder betraf, ihrer Zeit immer eine Nasenlänge voraus.
Schon 1805 gründeten sie ein eigenes Schulwesen und stellten einen uns namentlich nicht bekannten Kinderlehrer an.
Bis dahin mußten die Kinder die Possendorfer Kirchschule besuchen. Quohren war in der Parochie Possendorf nach Rippien der 2. Ort, der sich davon löste. Quohren hatte allerdings noch kein Schulhaus. Der Unterricht wurde reihum bei den Bauern abgehalten. Man nannte das die Reihumschule.

Der Bauer, der an diesem Tage die Kinder aufnehmen mußte, hatte auch ganztägig den Lehrer zu beköstigen, denn einen festen Lohn erhielt dieser nicht.

Am Sonntag ist er Organist,
am Montag fährt er seinen Mist,
Am Dienstag hütet er sein Schwein,
das arme Dorfschulmeisterlein.

Für den Quohrener Dorfschulmeister allerdings fiel die Organistentätigkeit weg und damit eine zwar geringe, aber lebenserhaltende Einnahme. Sein "Gehalt" bestand in der Regel aus Naturalien: Brot, Butter, Gemüse und Obst, Milch- oder Holzdeputat, auch Kleinvieh wie Hühner und Gänse von den Bauern. Er hatte das Recht auf eine Brautsuppe bei Hochzeiten oder einen Anteil Mahlzeiten bei Kindtaufen, dazu einige Kannen Bier oder eine Abgabe von Fleisch und Wurst bei Schlachtfesten.

Und wenn im Dorfe wird getauft,
dann sollt ihr sehen, wie er sauft.
Er leert ein ganzes Faß voll Wein,
das arme Dorfschulmeisterlein.

Und wenn im Dorfe Schlachtfest ist,
dann sollt ihr sehen, wie er frißt,
die größten Würste steckt er ein,
das arme Dorfschulmeisterlein.

Das war alles von den Gemeinde-Oberen mit den Dorfbewohnern so festgelegt. Das einzige Bargeld, was der Lehrer bekam, war der Schulpfennig, den die Eltern bezahlen mußten.
Großzügig gewährte die Gemeinde ihrem Kinderlehrer freie Unterkunft im Schulhaus. Aber wenn es das, wie in Quohren, noch gar nicht gab? Na, ein Armenhaus hatte jede Gemeinde, auch die Quohrener, wo die Ärmsten, die keine Miete zahlen konnten, umsonst wohnen durften, auch der Schulmeister, denn er war völlig mittellos.
Aber die Quohrener, wie gesagt, taten etwas dafür, daß ihre Kinder helle Köpfe bekamen.

1814 wurde der 2. Kinderlehrer Johann Gottfried Böthig angestellt - und der bekam im Armenhaus ein festes Schulzimmer und eine Stube, aber noch kein festes Gehalt. So reich war die kleine Gemeinde Quohren nun auch nicht!
Das Armenhaus oder besser Gemeindehaus (Bild oben) kennen die Quohrener Ureinwohner noch. Es wurde erst vor ein paar Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen (ca 1988). Johann Gottfried Böthig war am l. Mai 1795 in Reinersdorf bei Schandau als Sohn des dortigen Einnehmers Johann Chrstian Böthig geboren. Als er 1814 nach Quohren kam, war er also noch nicht einmal 20 Jahre! Er heiratete 1824 die Johanne Caroline Schmidt aus Lugau. Nun hatte er also eine Familie und nach und nach 7 Kinder.

Auch die Quohrener müssen damals nicht untätig gewesen sein, denn 1826 bezogen die Schulkinder das erste feste Schulhaus. (Bild) Es hatte im Erdgeschoß ein Schulzimmer für alle Kinder von der l. bis zur 8. Klasse, die der Lehrer Böthig vormittags und nachmittags unterrichtete. In manchen Jahren waren es über 100.

Wie schäbig ist sein alter Rock,
und manchmal schwingt er seinen Stock,
denn hundert Kinder hat allein
das arme Dorfschulmeisterlein.

Aber für ihn und seine Familie hatten sich die Lebensbedingungen verbessert. Er wohnte im Obergeschoß. Neben der Schulstube war ein Stall, in dem er sich eine Kuh, ein Schwein und eine Ziege halten konnte und um das Haus gab es ein „Krautgärtlein".

Im Stalle hat er eine Kuh,
die gibt paar Liter Milch dazu,
Dann füttert er sich noch ein Schwein,
das arme Dorfschulmeisterlein.

Die Schule sieht romantisch aus,
und ist doch ein ganz altes Haus,
Am Giebel reift im Herbst der Wein
fürs arme Dorfschulmeisterlein.

1859 trat Kleincarsdorf dem Quohrener Schulwesen bei. Die Schülerzahl verdoppelte sich fast. Das Schulhaus reichte nicht mehr.

Da bauten die Quohrener eben ein neues - das mit dem Türmchen, das den kleinen Ort weithin berühmt machte.

Ein Türmchen und ein rotes Dach -
die Schuluhr ruft den Morgen wach,
um acht läßt er die Kinder ein,
das arme Dorfschulmeisterlein.

Allerdings - ein Türmchen hatte es 1859 noch nicht, dieser Hausteil wurde erst 1897 angebaut, als die Schule wiederum zu klein war.
Johann Gottfried Böthig bezog das "neue" Schulgebäude noch.

Wie sind im Mai die Wiesen grün,
zur Zeit, wenn die Kastanien blühn,
die Sommernächte sternenweit,
das Dorf im sonnenheißen Kleid.
Im Herbst sieht er die Schwalben ziehn
und kann dem Elend nicht entfliehn.
Wie ist die Welt für ihn so klein,
das arme Dorfschulmeisterlein.

1864 beging Johann Gottfried Böthig sein 50-jähriges Dienstjubiläum in Quohren. Er unterrichtete noch bis 1868, da war er 54 Jahre in Quohren Lehrer gewesen und 73 Jahre alt. Auch von den Kreischaer Lehrern wissen wir, daß sie bis über die 70 hinaus in der Schulstube standen - nicht etwa aus Idealismus! In dieser Zeit gab es noch keine Rente und für die Altersvorsorge noch keinen Herrn Riester!

Als er schon 54 Jahr in seinem Dorfe Lehrer war, da könnt er nicht mehr Lehrer sein, das arme Dorfschulmeisterlein.

Sein Nachfolger war der Lehrer Hennig, der 1880 nach Kreischa ging. Johann Gottfried Böthig starb am 03.11.1872 im Alter von 77 Jahren in Quohren. Seine Frau überlebte ihn.

Um Mitternacht trägt man ihn fort zum letzten stillen dunklen Ort, und bald wird er vergessen sein, das arme Dorfschulmeisterlein.

4 seiner Kinder waren vor ihm gestorben: der Älteste August 1848, Julius 1850, Wilhelmine 1857 und Theodor 1861. Im Possendorfer Kirchenbuch heißt es, daß der Quohrener Catechet eine Witwe und 3 Kinder hinterließ. Es handelte sich um Theresia, geb. 1833, Eduard Leberecht, geb. 1835 und Marie Louise, geb. 1840. Kinder waren sie also beim Tode des Lehrer-Vaters durchaus nicht mehr!

Das 6. der Kinder, Eduard Leberecht Böthig, ist der Urgroßvater von Brigitte Drummer und Jochen Böthig. Er ist in der Gewerbeliste als Stuhlfabrikant eingetragen, was wohl etwas hochgegriffen ist. Möglicherweise hat er in der neben der Quohrener Schule gelegenen Stuhlbauerei dieses Handwerk erlernt und zunächst selbständig betrieben, wird aber später als Gemeindekassierer aufgeführt.

Er heiratet Auguste Therese Ullrich aus Gombsen. Aus der Ehe geht Paul Clemens hervor (1875 - 1943), Oberpostsekretär in Kreischa. Er und Emilie Margarete Schulze sind die Eltern von Walter Böthig, also die Großeltem von Brigitte Drummer und Jochen Böthig. Diese sind demnach direkte Nachfahren des Quohrener Schulmeisters Johann Gottfried Böthig.

Was für eine lokale Ahnengalerie, die sich in der Hutfabrikantenfamilie Schulze und meiner Nachbarin, Frau Mende, noch weiter verzweigt, aber das sind schon wieder andere Geschichten! Danke Frau Drummer für die wundervolle Ahnentafel. Ich habe sie nur mit Leben gefüllt.

Text H.H. - Ortschronistin Gemeinde Kreischa

Google Anzeigen